Pressemitteilung: Mahnwache und Brief an die Geschäftsleitung der EnBW AG und die Landesregierung Baden-Württembergs

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Heute, Dienstag, den 16. Juni ,fand am Vormittag eine Mahnwache vor dem Hauptgebäude der EnBW AG in Karlsruhe statt. 20 Vertreterinnen und Vertreter lokaler Initiativen unterstützten den Protest von Misha Mayeur und James Hiatt aus Louisiana (USA), die Karlsruhe als Auftakt-Ort für Ihre Rundreise durch Deutschland gewählt haben. Mit der Mahnwache protestierten Mayeur und Hiatt gegen den umfangreichen Bezug von flüssigem Erdgas (LNG-Gas) durch die EnBW AG, das in ihrer Heimat überwiegend durch Fracking gewonnen wird und verheerende Schäden für Mensch und Umwelt verursacht. Als Zeichen des Protests zeigten die Teilnehmer*innen eine symbolische rote Linie, unterschrieben mit Handabdrücken von Besucher*innen der Informationsveranstaltung vom Vorabend.

Im Rahmen der Mahnwache konnten Mayeur und Hiatt einen Brief an den Vorstand der EnBW zwar nicht persönlich übergeben, sendeten ihn jedoch symbolisch ab., Am Abend hatte die Delegation in Stuttgart die Möglichkeit, den Brief persönlich an Innenminister Manuel Hagel im Landtag Baden-Württemberg zu übergeben.

Der Brief wurde mitgezeichnet durch GreenFaith e.V. und das Klimabündnis Karlsruhe und wird besonders unterstützt von Greenpeace Karlsruhe und dem Widerstandskollektiv Karlsruhe.

Karlsruhe, den 15. Juni 2026

An die Geschäftsleitung der EnBW AG 

Wir schreiben Ihnen als Vertreter*innen der betroffenen Gemeinschaften an der Golfküste von Louisiana und Texas, wo Ihre Geschäftsentscheidungen nicht als Quartalszahlen bei uns ankommen, sondern als Luft, Wasser und der Verlust eines Lebensstils. Wir schreiben gemeinsam mit unseren Nachbarn und Partnern in Karlsruhe und in gesamt Baden-Württemberg, die unsere Besorgnis teilen, denn der Schaden, den wir beschreiben, wird in Ihrem Staat finanziert und in unserem Land verübt.

EnBW gehört fast vollständig der öffentlichen Hand. Der Staat Baden-Württemberg und ein Zusammenschluss seiner Kommunen halten zusammen rund 98 Prozent Ihres Unternehmens. Das macht die EnBW AG – um es vereinfacht auszudrücken – zu einem Unternehmen, das dem Wohl der Bevölkerung dienen sollte. Wir bitten Sie daher, diese Verantwortung ernst zu nehmen, denn die Tätigkeit, die Sie in unseren Gemeinschaften verrichten, ist nicht im Sinne der Bevölkerung. Es ist die Finanzierung von Zerstörung.

In Ihrem eigenen Jahresbericht 2025 erwähnen Sie eine Delegation der EnBW, welche die Verflüssigungsanlagen von Venture Global an den Standorten Calcasieu Pass und Plaquemines besichtigt hat. Sie schreiben, dieser Besuch habe es Ihnen ermöglicht, die Auswirkungen auf die Fischerei besser zu verstehen, die Einhaltung der Luftverschmutzungsgrenzwerte zu bewerten und die Anliegen lokaler Interessengruppen anzuhören. Sie schreiben, dass Sie den Dialog mit lokalen Stakeholdern fortführen.

Diese Stakeholder sind wir. Sie haben es heute nicht ermöglicht, uns in Karlsruhe zu treffen. Wir sind die Fischereien, die Sie bewerten sollten. Wir sind die Menschen, deren Atemluft Sie messen wollten. Und als Ihre Vertreter vor uns standen, sind Sie Ihrer Rechenschaftspflicht uns gegenüber nicht gerecht geworden. Im Wesentlichen sagten Sie uns, dass wir bessere Politiker wählen sollten.

Die Politiker und Politikerinnen, die wir wählen, haben diese Terminals nicht finanziert. Das haben Sie getan. Ein System, das Schaden verursacht, tut dies nur, weil jemand weiterhin dafür zahlt, und dieses Geld kommt von Ihren Verträgen und den dahinterstehenden Krediten. Genehmigungen können zwar von unseren Behörden unterzeichnet werden, aber das Geld, das den Bau dieser Anlagen überhaupt erst wirtschaftlich ermöglicht, fließt aus Ihren Verträgen und den damit verbundenen Darlehen.

EnBW wird jährlich 2 Millionen Tonnen Flüssiggas (LNG) aus den Anlagen Plaquemines und CP2 unter zwanzigjährigen Abnahmeverträgen beziehen. Sie haben diese Vereinbarungen als fundamentale Sicherheit für die Entwickler bei der Finanzierung des Anlagenbaus bezeichnet. Ohne Verpflichtungen wie die Ihrigen würden die Terminals nicht gebaut. Mit ihnen werden die Baggerarbeiten, die Emissionen und die Verdrängung zu einem zwanzigjährigen Faktum in unserem Leben.

Wir möchten, dass Sie verstehen, was Ihre Delegation gesehen hat, und was sie während einer einzigen geführten Tour nicht sehen konnte.

Zu den Gesundheitsauswirkungen: Die Verschmutzung durch CP1 am Calcasieu Pass und nun durch den Bau von CP2 geht einher mit höheren Raten von Asthma, Krebs und Herzkrankheiten in den Gemeinden direkt an der Anlage. Dies sind keine Abstraktionen, sondern es sind Kinder mit Inhalatoren und Nachbarn mit Diagnosen.

Zur Umwelt: Unsere Mündungsgebiete, einige der produktivsten Brutstätten auf dem Kontinent, werden unter der Schlickablagerung von Bauarbeiten begraben, die in aller Eile durchgeführt wurden. Was Generationen zur Entstehung brauchte, wird in wenigen Jahren erstickt.

Zu Kultur und Lebensunterhalt: Cameron war einst die Fischereihauptstadt der Vereinigten Staaten. Der ständige Schiffslärm und der Schiffsverkehr vertreiben die Garnelen. Die Baggerarbeiten verursachten so schwerwiegende Störungen, dass es praktisch keine Austernsaison mehr gibt. Unsere Fischer sind wütend, und sie haben Grund dazu. Sie sehen ein Erbe verschwinden, und das Unternehmen, welches das Gas importiert, welches dies alles bezahlt, behandelte sie – gemäß den Worten eines der Betroffenen – mit unnötiger Grobheit. Bewohner von Cameron Parish nahmen sich eine Auszeit von ihrer Fischfangarbeit, um Ihnen im Detail die Ungerechtigkeiten zu beschreiben, die sie durch die rasche Expansion von Venture Global LNG erleben. Als Antwort darauf wurden sie grob unterbrochen, ignoriert und aufgefordert, dies sei nicht die Angelegenheit der EnBW, sondern eine der amerikanischen Politik. Es war eine herzzerreißende und schmerzhafte Erfahrung für die Fischergemeinschaft, die in ihrer Verwundbarkeit erschienen war und gebrochen und entmutigt zurückgelassen wurde. Menschen können eine harte Wahrheit verzeihen. Sie verzeihen aber keine Geringschätzung.

Dies ist nicht nur unsere Botschaft. Unsere Partner beim Klimabündnis Karlsruhe erinnern Sie daran, was auch in Ihrer Heimat gesagt wird. In der Resolution des Klimabündnisses vom Oktober 2025 gegen neue Gaskraftwerke und gegen fossile Pfadabhängigkeiten wird dies deutlich.

Erdgas weist über den gesamten Verlauf von Gewinnung, Aufbereitung und Transport hohe Methanemissionen auf, was bedeutet, dass die Klimabilanz der kompletten Gaskette weitaus schlechter ist als das bloße Verbrennen des Gases allein. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren ist Methan 84-mal schädlicher für das Klima als Kohlendioxid. Der Plan, sogenannten „blauen Wasserstoff” zu verbrennen, löst dieses Problem nicht. Blauer Wasserstoff wird aus Erdgas hergestellt, wobei das entstehende Kohlendioxid durch den höchst problematischen Prozess der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS) eingefangen und vergraben werden soll. Dies würde Baden-Württemberg weiterhin von demselben klimaschädlichen, fossilen Gas abhängig machen und Ihre Zukunft an Abbaugebiete wie dem Unsrigen binden.

Das Land Baden-Württemberg hat sich verpflichtet, bis 2040 klimaneutral zu sein. Dieses Versprechen kann nicht eingelöst werden mit zwanzigjährigen Verträgen für Fracking-Gas, das von einer Küste geliefert wird, die zerstört wird, um es zu produzieren. Ihre Nachbarn in Karlsruhe sind eindeutig darin, was sie stattdessen wollen: keine Milliarden in Subventionen für fossile Kraftwerke, ein konsequenter Ausbau von Solar-, Wind- und Speicherkapazitäten sowie zukunftsfähige Infrastruktur am Rheinhafen statt eines neuen Gaskraftwerks. Sie fordern ein verbindliches Verbot der Verwendung von Fracking-Gas im RDK 9. Wir stehen hinter ihnen, denn das Fracking-Gas, das sie nicht verbrennen wollen, ist genau das gleiche Gas, das uns zerstört.

Wir bitten Sie nicht, bessere Politiker*innen zu wählen. Wir bitten Sie, bessere Menschen zu sein bei den Projekten, für die Sie bereits Verantwortung tragen. Stoppen Sie die Finanzierung, die weitere Opferzonen („Sacrifice zones“) schafft.

Wir fordern die EnBW auf, die Erweiterung ihrer LNG-Verpflichtungen einzustellen und ihre Gas-Einkäufe mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2040 in Einklang zu bringen, dass die Menschen in Baden-Württemberg, gesetzt haben. 

Wir fordern die Landesregierung von Baden-Württemberg – als mehrheitlicher öffentlicher Eigentümer von EnBW- auf, das Unternehmen auf einen erneuerbaren, zukunftsfähigen Pfad zu lenken, den Ihre eigenen Bürger verlangen. Ein Pfad, der wegführt von einer zwanzigjährigen Bindung, die auf der Ausbeutung unserer Küste basiert.

Ihre Delegation kam in unsere Gemeinde, um die Auswirkungen Ihrer Geschäftsaktivitäten zu bewerten. Sie haben hiermit die Auswirkungen beschrieben bekommen von den Menschen, die damit leben müssen. Handeln Sie im Sinne der Bevölkerung. Kündigen Sie die Verträge. Verbessern Sie Ihre Firmenpolitik. Do better!

Mit freundlichen Grüßen,

Misha Mayeur, Habitat Recovery Project

James Hiatt, For a Better Bayou

GreenFaith e.V.

Klimabündnis Karlsruhe

Dieser Brief wird besonders unterstützt von

GreenFaith e.V., Klimabündnis Karlsruhe und Greenpeace Karlsruhe

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